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Mathias Greffrath spannt in der April-Ausgabe der Le Monde Diplomatique
entlang der Grenze des Fortschrittswahns einen Bogen von den flüchtigen
Handlungsanweisungen in den Kunst-Stücken Tino Sehgals hin zu einem
Plädoyer des Ökonomen John Maynard Keynes, welcher vor drei
Generationen bemerkte:
Zu lange seien wir "dazu erzogen worden, nach etwas zu streben, und
nicht, etwas zu genießen". Auf lange Sicht werde die Welt nur erbaulich
werden, wenn wir wieder "singen lernen", unseren Wachstumstrieb
verlagern auf "die echten Dinge des Lebens". 
Auszug aus Mathias Greffrath - Kunstkinder im Bundesamt "singen lernen" - das ist eine wunderbare Metapher für das große, sehr
reale Kunststück, das die menschliche Gattung in naher Zukunft
vollbringen muss - um ihrer Selbsterhaltung willen. Um es weiter mit
Keynes zu sagen: Wir müssen die "Geldscheffelei", jenes "widerliche,
krankhafte Leiden, jene halbkriminelle, halbpathologische Neigung, die
man mit Schaudern an einen Spezialisten für Geisteskrankheiten
verweisen möchte", in den Dienst einer weltschonenden Entwicklung des
globalen Südens lenken und in den alten Industrieregionen die
Arbeitszeit für alle so verkürzen, dass wir "weise, angenehm und gut
leben können".
Es geht um das politische Kunststück, die WTO in den Dienst
nachhaltiger globaler Entwicklung zu stellen. Um das technische
Kunststück, den Erfindungsreichtum von Ingenieurinnen auf revolutionäre
Verkehrssysteme, energiesparende Wohnformen und ewig haltbare
Keramikkugellager zu lenken. Um das kulturelle Kunststück, die
Arbeitszeit aller radikal zu verkürzen, so dass alle eine neue Balance
finden zwischen gesellschaftlichen Notwendigkeiten und eigenem Leben,
zwischen qualifizierter Arbeit und Zeit für die Tätigkeiten und
Genüsse, die es nicht vertragen, gegen Geld getauscht zu werden: Kinder
erziehen, die Alten umsorgen, die Kranken pflegen, die Räume, in denen
wir leben, lebenswert zu machen. Zeit zu haben, uns in der Endlichkeit
einzurichten. Tanzen zu lernen.
Das wird keine reine Poesie. Die neue Weltwirtschaftsordnung, der Weg
in die postfossile Gesellschaft wird durch Not erzwungen, wird durch
Krisen von gewaltigen Dimensionen hindurchführen. Die Kunst mag uns
dabei helfen, die Ahnung von einem Fortschritt zu gewinnen, der nicht
mehr an Stoffumwandlung und Wachstum gebunden ist, sondern an neue oder
ganz alte Formen des Tätigseins."
WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN
Interview mit Tino Sehgal und Peter Sloterdijk
"... aus dem zünftig gefesselten Handwerker wurde der freie Künstler.
Vergessen war jene uralte Anthropologie, die besagt, dass der Mensch
erst dort beginnt, wo die Arbeit aufhört...Wenn die Leine der
Notwendigkeit durchschnitten ist, dann setzen höhere Aktivitätsformen
ein."
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[kunst] aestetics oriented newsletter at alec.crichton.tv
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